311 Erdgas Brennwerttechnik / Foto: Zukunft Erdgas e.V.

Grüngas

Erdgas mit grünem Gewissen

Gaskunden werden von Versorgern nicht mehr nur über günstige Preise geködert. Zunehmend versuchen sich Gaslieferanten mit wohlklingenden Begriffen wie „Ökogas“, „Klimagas“ oder „Grüngas“ von der Konkurrenz abzusetzen. Doch welchen ökologischen Nutzen haben grüne Gastarife?
Von Louis-F. Stahl

(31. Januar 2019) Wie das Stromnetz ist auch das Gasnetz technologieneutral: Ob Erdgas aus Russland, in Rotterdam von einem Schiff eingespeistes Flüssigerdgas (LNG) aus den USA, Biogas von einem Bauernhof aus Bayern oder Wasserstoff, gewonnen aus Windstrom mittels Power-to-Gas in Hamburg-Reitbrook – alle diese Gase finden ihren Weg in das europaweit verzweigte Gasnetz. Doch während Verbraucher beim Strom seit 1999 die Wahl zwischen „normalem“ und Ökostrom haben, ist das Angebot an Ökogastarifen noch vergleichsweise jung und unbekannt.

1712 Klärwerk Abwasser / Foto: Videostandbild, Hamburg Wasser

Verbraucher können über das Erdgasnetz auch Biogas beziehen. Dabei haben sie oft sogar die Wahl, aus welcher Anlage sie Biogas beziehen wollen. Neben Gas aus klassischen – zumeist Maispflanzen vergärenden – Biogasanlagen sind auch Tarife mit Biogas aus Kläranlagen oder der Abfallverwertung erhältlich.

Klima- und Ökogase

Wie bei Stromtarifen müssen Verbraucher leider auch bei den aufstrebenden grünen Gastarifen auf der Hut vor sogenanntem „Greenwashing“ sein. Denn nicht jeder Tarif, der als „grün“ oder „öko“ beworben wird, hält, was die Werbung verspricht. Begriffe wie „Ökogas“ oder „Klimagas“ sind nicht klar definiert und jeder Versorger kann seinen Tarif mit einer solchen Bezeichnung versehen. Verbraucher sind bei diesen dehnbaren Begriffen gut beraten, die Tarifdetails ganz genau zu studieren. So verbirgt sich hinter dem Begriff „Klimagas“ in Wirklichkeit häufig rein fossiles Erdgas und die Zusage vom Versorger, die Klimabelastung durch Zahlungen an Klimaschutzprojekte zu kompensieren. Dabei gleichen manche Versorger bilanziell betrachtet den gesamten CO2-Ausstoß ihres Erdgases aus – andere Anbieter versprechen hingegen beispielsweise nur, einmalig pro Neukunden „10 Euro in waldnahe Projekte und die Umweltbildung“ zu investieren.

Biogas im Erdgasnetz

Besser als die Kompensation von Klimaschäden, die beim Aufzehren fossiler Ressourcen entstehen, ist die Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Im Fall von Gasen ist dies grundsätzlich ganz einfach: Bei der Zersetzung von Biomasse durch Mikroorganismen entsteht in erster Linie das gut brennbare und auch in Erdgas enthaltene Methan. Prinzipiell muss dieses Gas nur aufgefangen werden – ein Prozess, der seit vielen Jahren in Kläranlagen und landwirtschaftlichen Biogasanlagen praktiziert wird. Der Teufel steckt jedoch im Detail: Die auf diesem Weg gewonnenen Gase haben in Abhängigkeit von der Ausgangsbiomasse sehr unterschiedliche Zusammensetzungen und nicht genau die gleichen Verbrennungseigenschaften wie Erdgas. Erst eine technisch aufwendige Aufbereitung kann dafür sorgen, dass Biogas die hohen Anforderungen für eine Einspeisung in das Erdgasnetz hinsichtlich Reinheit, Konzentration und Heizwert zuverlässig erreicht. Vor rund 10 Jahren erreichten Anlagen zur Aufbereitung von Biogas auf Erdgasqualität die für einen Regelbetrieb notwendige technische Reife. Inzwischen ist die Technik so weit etabliert, dass in Deutschland rund 200 Biogasanlagen in das Erdgasnetz einspeisen.

Der Weg des Gases

Bezieht ein Verbraucher echtes „Biogas“, so muss diese Menge an Biomethan durch den Gasversorger von einem Biogasanlagenbetreiber bezogen und physisch in das Erdgasnetz eingespeist werden. Dabei kann ein Biogas beziehender bayrischer Energieverbraucher natürlich nicht genau das Biogas erhalten, das sein Gasversorger beispielsweise in Niedersachsen hat einspeisen lassen. Dennoch sorgt die Einspeisung des Biogases an anderer Stelle im Netz für eine Verdrängung der gleichen Menge fossilen Erdgases.

Heizung oder Teller?

Auch wenn Biomasse grundsätzlich erneuerbar ist, mehren sich seit Jahren kritische Stimmen. Genau wie bei flüssigen BioKraftstoffen (E10, Biodiesel) stellt sich die Frage, inwieweit extra angebaute Energiepflanzen wie Mais-Monokulturen der Biodiversität schaden und Flächen belegen, die auch dem Anbau von Nahrungsmitteln dienen könnten. Glücklicherweise beziehen jedoch die Anbieter von Bio-Erdgas ihr Biomethan derzeit zumeist von nur ein oder zwei Anlagen, so dass kritische Verbraucher einen Gasanbieter wählen können, der sein Gas von einer Kläranlage oder von einer Biogasanlage bezieht, die Grünabfall oder Gülle verwertet.

Innovative Gase

Neben den bekannten Biomassequellen bieten sich zunehmend auch innovative Biogase an. So gewinnen beispielsweise die Stromrebellen der EWS Schönau, in Kooperation mit einer Papierfabrik, Biogas aus dem Recyclingprozess von Altpapier. Eine zukünftig an Bedeutung gewinnende Alternative zu klassischem Biogas ist auch die Power-to-Gas-Technik. Bei diesem Prozess wird aus Strom Wasserstoff oder Methan gewonnen und in das Erdgasnetz eingespeist. Rund ein Dutzend Forschungs- und Pilotanlagen befinden sich in Deutschland im Testbetrieb. Sinnvoll ist die Nutzung von Power-to-Gas allerdings nur, wenn für die Herstellung der Gase zukünftig Stromüberschüsse aus erneuerbaren Energien verwendet werden.

Mischungs-Homöopathie

Der hohe Aufwand für den Betrieb der bereits heute gut funktionierenden Biogasanlagen und der Aufbereitung des Biogases auf Erdgasqualität für die Einspeisung in das bestehende Gasnetz hat seinen Preis: Mit aktuell rund 9 bis 11 Cent je kWh ist echtes Biogas aus dem Erdgasnetz deutlich teurer als fossiles Erdgas. Erheblich günstiger sind nur Anbieter, die nicht in Deutschland zertifiziertes Biogas produzieren, sondern ihr Gas beispielsweise in Ungarn einspeisen. Ein weiterer Trick von Anbietern ist zwar die große Bewerbung von „Biogas“, wobei der Tarif im Ergebnis tatsächlich nur einen – fast schon homöopathischen – Anteil von einem Prozent Biogas hat.

Qual der Wahl

Vor solchen Tricks bewahrt Verbraucher oftmals nur der Blick in das Kleingedruckte der Tarife – oder im Zweifel eine Nachfrage beim Anbieter. Denn anders als bei Ökostrom werden Verbraucher, die sich für den Bezug von Biogas interessieren, noch nicht von einer Flut an nichtssagenden Labeln und Siegeln verwirrt. Bisher hat sich mit dem „Grünes Gas – Biogaslabel der Umweltverbände“ lediglich ein Label etabliert, dass unter anderem vom NABU, dem BUND sowie dem Deutschen Naturschutzring getragen wird und eine Beimischung von mindestens 10 Prozent echtem Biogas verlangt. Dieses Label bietet eine gute erste Orientierung. Die Anbieter von Biogastarifen beschreiben zudem im Kleingedruckten ihrer Tarife sehr genau, zu welchem Anteil ihr Gas erneuerbar ist und auch wo, in welcher Anlage, mit welcher Biomasse, das Gas erzeugt wird. Diese löbliche Transparenz kann aber auch verwirrend sein. Mit einer kurzen Checkliste können Sie die Tarife der Anbieter durchleuchten und das für Sie passende Angebot finden.

Weitere Informationen:

Checkliste für die Bewertung von grünem Gas
  • Enthält der Tarif echtes Biogas oder handelt es sich bloß um einen Klimagastarif?
  • Wie hoch ist der tatsächliche Biogasanteil?
  • Aus welcher Biomasse stammt das Biogas?
  • Wo befindet sich die Biogasanlage?
  • Zusätzlich bei einer Biogas-Tarifwahl als Ersatzmaßnahme beispielsweise zur Erfüllung des EWärmeG oder zum Betrieb eines BHKW: Erfüllt der Tarif die notwendigen Anforderungen und werden die entsprechenden Zertifikate akzeptiert?

letzte Änderung: 05.02.2019